Handel und Wandel

16.06.2005, In der TransSib: Wir können nicht einschätzen, ob unsere Provodnitsa aufgegeben oder ob sie tatsächlich das Gröbste verhindert hat - nach der guten Stimmung zu urteilen, waren wahrscheinlich einige Personen ohne Fahrschein zusätzlich mit an Bord, als wir den Bahnhof in Moskau verließen.
Der Waggon glich einem Verladebahnhof und alle waren damit beschäftigt, die Handelswaren in allen Ecken des Zuges zu verstauen. Überflüssige Kartons und Verpackungen wurden dabei in hohem Bogen aus dem Fenster entsorgt.

Unsere Zugbegleiterin beim Saubermachen, nachdem der Gang wieder freigeräumt war.

Noch am selben Abend standen auch ein paar unserer Mitfahrer vor unserer Tür und versuchten uns etwas mitzuteilen: Sie zeigten immer wieder auf Ihr T-Shirt und dann auf die Decke in unserem Abteil... Da wir unser Abteil nicht als Lagerraum hergeben wollten und da ich mit Leuten, die beim Gespräch ihren Fuss in die Tür stellen, nicht wirklich gerne diskutiere, haben wir die Kommunikation zu diesem Thema dann erstmal gestoppt.

Auch sonst kehrte nun langsam Ruhe ein und da es schon nach Mitternacht war, verzogen sich alle in Ihre Abteile. Wer aus irgendwelchen Gründen kein Abteil hatte, war auf der Suche nach einem leeren Bett oder nach weiterem Stauraum, um das eigene Bett freizubekommen und so steckten auch bei uns immer wieder ungebetene Gäste den Kopf ins Abteil - egal, ob unsere Tür abgeschlossen war oder nicht!

Überhaupt hatte praktisch jeder der mitreisenden Mongolen einen Schlüssel, um jede beliebige Tür zu öffnen und so empfehlen sich in der TransSib auch ein paar grundsätzliche Verhaltensregeln:
Es sollte immer jemand im Abteil bleiben und nachts sollte die Tür gut verschlossen werden. Wenn man mit Personen zusammenwohnt, denen man vertraut, ist Ersteres nicht so schwer. Das Verschließen der Tür haben wir auf zwei Wegen gelöst:

Heimat für 6 Tage: Unsere Seite des 4-Bett-Abteils.

Den ersten haben wir uns bei unseren mongolischen Mitfahrern abgeschaut: Wenn man eine kleine Madenschraube an der Türklinke löst, kann man diese rausnehmen und nur den Teil mit dem Vierkantbolzen von innen wieder in die Tür stecken. So hat die Tür von außen keine Klinke mehr und wenn jemand die Klinke vom Nachbarabteil benutzen möchte, muss er den von innen steckenden Klinkenteil herausschieben, der dann mit einigem Krach zu Boden poltert.
Der zweite Weg besteht in einem kleinen Hebel oben in der Tür, den man bei verschlossener Tür hochklappen kann und der wie eine Sicherheitskette funktioniert: Die Tür geht nur noch einen Spalt weit auf. Leider war dieser Hebel in unserem Abteil defekt, so dass wir ihn Nachts mit einem Streifen Tape in ausgeklappter Stellung fixieren mussten.

Das klingt jetzt alles etwas Paranoid, aber nachdem die Abends abgeschlossene Tür am nächsten Morgen nicht mehr abgeschlossen war und wir wie beschrieben schon am Abend einige ungebetene Türöffnungen miterlebt hatten, waren wir über unsere Maßnahmen ganz glücklich. Der mit Tape festgeklebte Hebel hatte uns davor bewahrt, nachts unsanft aus dem Schlaf gerissen zu werden.

Die Fahrt selbst war dann sehr geruhsam: Langsam zieht die Landschaft draußen am Fenster vorbei und man findet viel Zeit zum Lesen, Schlafen oder Die-Seele-Baumeln-Lassen.

Nun löste sich auch unser Kommunikationsproblem vom ersten Abend: Unsere netten Mitreisenden wollten unser Abteil nicht als Lagerraum einrichten, sondern das Lager auflösen. Vielleicht hatten sie deshalb auch versucht, während der Nachtruhe in unser Abteil zu kommen! Als wir dann mit dem übergebenem Universalschlüssel unsere Deckenverkleidung aufmachten, kam uns ein Berg Pakete mit T-Shirts und Nike-Turnschuhen entgegen... Wie gut, dass wir nicht erst während der Zollkontrolle begriffen, dass in unserem Abteil Schmuggelware versteckt war! So waren am Ende alle zufrieden und unsere Abteiltür war seitdem auch an den folgenden Morgenden immer verschlossen.

Die Geruhsamkeit wird dann nur durch die Stopps, die der Zug 3-4 mal pro Tag macht, unterbrochen. Diese jeweils 15-20 min., die wir zum Lokwechsel oder Nachtanken im Bahnhof stehen, scheinen der einzige Reisegrund für die Mehrzahl der Personen an Bord zu sein:

Schon eine halbe Stunde vor einem größeren Halt beginnt ein hektisches Treiben und im kompletten Zug werden Pakete aus-, um- und eingepackt. Wenn der Zug dann tatsächlich hält, stürzen alle heraus und nutzen die Zeit auf dem Bahnhof, um ihre Waren anzubieten...

Und das Geschäft läuft: Die Russen aus den jeweiligen Städten kommen mit der ganzen Mannschaft zum Bahnhof, um sich günstig mit Klamotten und Schuhen einzudecken.

Im Gegenzug bringen die Anwohner Obst, Getränke und andere Lebensmittel mit, die gegen kleines Geld im Zug verschwinden.

Bei der Abfahrt musste man dann nur aufpassen, daß man den Zug nicht verpasst: Es gibt kein Signal oder Zeichen - der Zug fährt einfach los!

Die HändlerInnen springen dann mitsamt ihrer Ware wieder auf und die letzten Geschäfte werden während der Zuganfahrt gemacht: die KäuferInnen laufen neben dem Zug her, während die VerkäuferInnen aus dem Fenster lehnen - offenbar auch ein guter Zeitpunkt, um noch einen kleinen Preisnachlass herauszuholen!

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